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Social Entreprenuership – Interview mit Markus Seidel

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Ich hab heute aufgeräumt..naja ich bin ehrlich, ich hab was gesucht und was anderes gefunden, ein Interview das ich Mitte 2006 mit Markus Seidel gemacht habe. Irgendwie trifft es bei mir immer noch den Punkt!!

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Social Entrepreneurship – Soziale Arbeit als Managementaufgabe

Entrepreneur ist „einer, der etwas in die Hand nimmt“, der „Social Entrepreneur“ ist eine Mischung aus Bill Gates und Mutter Theresa: Nicht der Gewinn, sondern der soziale Nutzen steht im Mittelpunkt. Seit 1993 kümmert sich Off Road Kids als eingetragener Verein und Stiftung um Straßenkinder in Deutschland, der Gründer und Vorstandssprecher Markus Seidel wurde im Dezember 2005 für sein Engagement von der Schwab Stiftung für Social Entrepreneurship, dem Wirtschaftsmagazin „Capital“ und The Boston Consulting Group (BCG) als erster „Social Entrepreneur Deutschlands“ ausgezeichnet.

Frage 1. Herr Seidel können Sie unseren Lesern die Arbeit von Off Road Kids vorstellen und ihre Beweggründe nennen sich nun seit über 13 Jahren für Kinder in Deutschland zu engagieren?

„Off Road Kids ist das einzige bundesweit wirkende Hilfeangebot für Straßenkinder in Deutschland. Wir betreiben Streetwork-Stationen in Berlin, Hamburg, Dortmund und Köln. Unsere Streetworker fahren – wenn nötig – mit den jungen Ausreißern kreuz und quer durchs Land zu Elterngesprächen und zu Jugendämtern. Neben der Mobilität unterscheiden wir uns von lokalen Angeboten dadurch, dass es bei uns ausschließlich aktive Unterstützung bei der Perspektivensuche und ganz sicher nichts zu essen gibt. Die Straße ist schließlich keine gute Kinderstube. Obendrein betreiben wir ein eigenes Kinderheim, bauen gerade ein zweites Haus und haben eine Beratungshotline für Eltern.
Hintergründe für mein Engagement zugunsten der Straßenkinder gibt es zwei: Einerseits halte ich es für einen untragbaren Zustand, dass es in Deutschland trotz des opulentesten Jugendhilfesystems der Welt Straßenkinder gibt. Andererseits stand ich 1993 vor der Frage, ob wir als engagierte junge Bürger in einem völlig verregelten Bereich wie der Jugendhilfe einen Missstand ändern dürfen oder ob wir nur dazu eingeplant sind, bereits Erschaffenes zu verwalten. Die Antwort darauf ist: Wir dürfen sehr wohl mitgestalten und Veränderungen herbeiführen, brauchen aber Durchhaltevermögen und müssen das nötige Geld selbst mitbringen.“

Frage 2. Herr Seidel im Frühjahr 1993 teilte ihnen das Ministerium für Frauen und Jugend auf ihre Anfrage um Unterstützung mit, „Da es keine Straßenkinder in Deutschland gibt, kann auch kein entsprechendes Hilfsprojekt unterstützt werden“. Hat Sie das eher erschrocken oder zusätzlich motiviert?

„So leicht erschreckt mich nichts. Diese Antwort kam zustande, da es bis dahin keinerlei Informationen zum Thema gab und da es in einem G7-Staat eben keine Straßenkinder geben durfte. Allerdings haben wir bis heute keinerlei finanzielle Unterstützung aus der Staatskasse für unsere Arbeit erhalten. Während vom Bundesjugendministerium 1994 eine Studie beim Deutschen Jugendinstitut in Auftrag gegeben wurde, hatten Unternehmen wie Mannesmann Mobilfunk (heute Vodafone) und Deutsche Bahn längst die drängende Notwendigkeit erkannt, aktiv einzugreifen und unser Hilfesystem aufzubauen. Nach wie vor intensivieren die Vodafone Stiftung Deutschland und die Deutsche Bahn ihr Engagement für uns. Ich bin heute sehr froh, nicht auf die Staatskasse gesetzt zu haben. Wir wären nie an den Start gekommen.“

Frage 3. Zwei Drittel der in Kinderheimen von Off Road Kids betreuten Kinder erreichen ihren Realschulabschluss. Was ist ihr Erfolgsgeheimnis?

„Inzwischen erreichen sogar alle einen Realschulabschluss. Das ist ja schließlich auch kein Hexenwerk. Der frühere Salemer Internatsleiter Bernhard Bueb steht in den Bestsellerlisten mit seinem Buch über Disziplin. Unser pädagogisches Konzept „Herzliche Strenge“ haben wir vor Jahren selbst entwickelt und es zeigen sich durchaus Parallelen zu Buebs Programm. Wir betrachten Jugendhilfe grundsätzlich als wertvolles Stipendium und nicht als gottgegebene Sozialhilfe: Also muss etwas dabei herauskommen. Bei uns ist das eben mindestens der Realschulabschluss und wenn möglich der Schritt an eine höhere Schule. Es geht uns in erster Linie um das Ergebnis der Betreuung. Kurzum: Wir sind zunächst sehr streng und sobald es bei einem Jugendlichen läuft, gibt es mehr Freiheiten. Es nützt diesen Jugendlichen nichts, wenn wir einen Streichelzoopädagogik betreiben und sie anschließend wegen eines verkorksten Lebenslaufes und schwachen Hauptschulabschlusses doch nur in der Sozialhilfe landen. Das ist auch vor dem Steuerzahler nicht zu vertreten. Jugendhilfe kann durchaus einen volkswirtschaftlichen Return garantieren.“

Frage 3. Herr Seidel wie viele Stunden arbeiten Sie pro Woche?
„Alle sagen, es sind zu viele Stunden. Ich arbeite oft auch nachts weiter und am Wochenende. Aber das habe ich mir schließlich selbst eingebrockt. Ich beklage mich nicht; der Erfolgsfaktor stimmt bei uns und ich kann es ja auch jederzeit ändern. Obendrein gibt es auch Freiheiten, die ich mir herausnehme: Wenn der Wind so stark weht, dass man richtig gut windsurfen kann, lasse ich die Arbeit liegen – wenn es irgendwie geht. Und bei Neuschnee gehe ich gerne mal morgens zum Snowboarden in den Schwarzwald. Wer ein Unternehmen gerne führt und erfolgreich sein möchte, wird am Anfang immer einiges an Zeit investieren müssen. Die Kunst ist eher, nicht betriebsblind zu werden.“

Frage 4. Wünschen Sie sich manchmal in einem anderen Bereich unternehmerisch tätig geworden zu sein, vielleicht auch mit Blick auf das eigene Einkommen?

„Ich bin Journalist und habe ein kleines Werbebüro. Beide Tätigkeiten liegen zurzeit so gut wie brach. Gemessen an der Wirtschaft sind die Management-Gehälter in der Sozialarbeit deutlich geringer. Dafür stimmt der Unterhaltungsfaktor. Langweilig wird es mir hier ganz sicher nie. Und jeder Tag bringt irgendeine unglaubliche Überraschung. Allein im Kinderheim könnten wir täglich eine Folge für eine Fernsehserie drehen. Off Road Kids ist sinnvoll, macht mir Freude und füllt mich ziemlich aus. Aber ich kann noch Kapazitäten für andere Vorhaben freimachen.“

Frage 5. Was müsste sich in Deutschland kulturell ändern, damit mehr Menschen „etwas in die Hand nehmen?“

„Die pure Konsumhaltung schläfert uns ein. Das ist der Tod für eine innovative Grundhaltung. Wir würden gut daran tun, künftige Generationen herauszufordern und dazu zu animieren, aktiv mitzugestalten. Wir müssen Hindernisse aus dem Weg räumen. Wer heute noch glaubt, dass unsere noch nicht geborenen – geschweige denn geplanten – Kinder es wortlos hinnehmen werden, dass sie unseren Schuldenberg abtragen müssen, unsere Umweltschäden reparieren dürfen und uns obendrein dafür auch noch mit Rente belohnen sollen, der wird sein blaues Wunder erleben. Ich sehe bei vielen Leuten, dass sie durchaus motiviert sind, etwas zu unternehmen, aber es muss sich lohnen. Sobald es sich wieder richtig lohnt, zu arbeiten und etwas zu unternehmen, läuft der Laden wieder. Dann gibt es auch genügend Freiraum und Energie, sich sozialer Themen anzunehmen. Aber auch das wird sich zukünftig finanziell rechnen müssen, sonst haben wir fast keine Chance, Mitarbeiter mit Unternehmergeist und Managementfähigkeit für den Sozialsektor zu gewinnen.“

Information zu Off Road Kids e.V. finden im Internet unter http://www.offroadkids.de.
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Mal gucken was ich finde wenn ich weiter suche…

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Written by Sascha Schubert

April 17, 2008 um 10:51 pm

Veröffentlicht in Nicht kategorisiert

Eine Antwort

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  1. Hey, finde ich super, dein Interview. Freut mich, dass ich über den Blog vom Roman darauf gestossen bin. Das „Die pure Konsumhaltung schläfert uns ein. Das ist der Tod für eine innovative Grundhaltung. Wir würden gut daran tun, künftige Generationen herauszufordern und dazu zu animieren, aktiv mitzugestalten. Wir müssen Hindernisse aus dem Weg räumen.“ ist ein gutes Motto.

    Aki Arik

    April 29, 2008 at 6:40 am


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